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rot sehen 2001

künstlerische Intervention mit einem Raum, Kunsthalle Wil SG
Ursula Bohren Magoni und Claudio Magoni 

 

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

 

 

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

maboart in der Kunsthalle Wil 2001

Rotlichtmagie

Werden Ursula Bohren Magoni und Claudio Magoni zu einer Ausstellung eingeladen, gehen sie nicht ins Atelier, um eine passende Arbeit auszusuchen. Zuerst lassen sie den Ort auf sich einwirken: im Freien die Landschaft, im öffentlichen Raum die Örtlichkeit, in der Kunsthalle die räumliche Situation und die Umgebung. Ihr Schaffen wird nicht vom Reiz der Materialien, einer bestimmten Form, einer als Stil erkennbaren Handschrift bestimmt, sondern durch gemeinsam ausgedachte, erarbeitete ortsbezogene Projekte. Im subtilen und fantasievollen Eingehen auf eine bestehende Situation, die sie mit ganz unterschiedlichen Mitteln verändern, um so immer wieder andere akustische und optische Erlebnisse auszulösen, lassen sie den Ort einmal anders sehen. Die Eingriffe bestehen nicht in einem rein intellektuellen Konzept, die ausgeführte Idee vermittelt durchaus sinnlich wahrnehmbare Erlebnisstrukturen, die zu weiterführenden Gedanken Anregung geben.

In der Kunsthalle vermitteln Ursula Bohren Magoni und Claudio Magoni durch die verändernden Eingriffe im Raum spezielle Wahrnehmungsmöglichkeiten, eine Art von Erlebnis mit mehrschichtig assoziativen Ebenen. Die Mittel dazu bilden Farbe und Licht. Mit roter Filterfolie sind die Fenster der Halle abgedeckt, zwei Kabinen aus rotem Acrylglas stehen zwischen den Pfeilern. Sich überlagernde Licht- und Bildprojektionen erweitern die Architektur um eine virtuelle Dimension. Wer die Halle betritt, taucht ein in die Atmosphäre eines sanften Rotlichts. Als Raum im Raum lassen die transparenten Kabinen von innen heraus den grossen Umraum in veränderten Farben sehen- für die Betrachter draussen bilden die besetzten Raumzellen eine zusätzliche Facette der ganzen Licht-Rauminstallationen. Sie werden zu einem belebten Objekt der Inszenierung. Dazu gehören zwei rot aufgenommene Videofilme, zusammen den Blick in ein Augenpaar bildend, das zehn Minuten lang festgehalten wurde. Von der Wand schauen zwei rote Augen den Betrachtenden an. Mit Sehen hat die Gestaltung sehr viel zu tun, ebenso mit Fühlen. Wie Musik vermag Farbe direkt unsere Gefühlswelt zu beeinflussen, angenehm wohltuend entspannend oder auch negativ wirkend. In rotes Licht getaucht, wandelt sich der nüchterne Bau in eine ganz spezifische Welt der Sinneswahrnehmung, zu deren Eigenschaften es auch gehört, ein Netz an Bezügen aufzuweisen, welch die Grenzen des real gegebenen Raumes überschreiten. Mannigfach sind die Verbindungen und Anspielungen nach draussen, nach jener Lebenswelt , aus der die Besucher soeben gekommen sind. Die Umwandlung wirkt aber auch nach aussen. Des Nachts werden Fensterfronten von innen beleuchtet. Sie erhalten Signalwirkung, wecken die Aufmerksamkeit der Passanten. Wer nach dem Eindunkeln die Kunsthalle betrachtet, sieht rot. So wird das Gebäude selbst zum gestalteten Werk, das mit seinen rot leuchtenden Fensterreihen Irritation ausläst und Fragen aufwirft – erst ein Besuch der Installation vermag mögliche Antworten zu geben. 

Kaum eine Farbe ist so intensiv vieldeutig wie ’Rot’. Zuerst einmal ist es die deutsche Bezeichnung für die Farbempfindung, die durch Licht mit  Wellenlängen von etwas 590nm bis zum langwelligen Ende des Spektrums hervorgerufen wird. Rot ist die Farbe des Blutes, in dem das Leben eines jeden Lebewesens liegt, der Leidenschaft und Sinnlichkeit, der Liebe, des Herzens sowie der Macht, Ehre und Würde. Umgangsprachlich bedeutet ’rot sehen’ den Ausbruch einer unkontrolliert heftigen, rein emotionalen Reaktion. Gleichzeitig ist Rot aufgrund der Assoziation mit dem Feuer sowohl Prototyp der warmen Farbe als auch Signalfarbe, die auf Gefahren hinweist und beim Lichtsignal Stop heisst. Das Rotlichtviertel steht für das Verbotene, wo die Leidenschaften glühen, bei gedämpften Licht das Blut in Wallung gerät, für den Rausch jeglicher couleur. Hierher gehören auch die am adäquatesten rot  gespritzten Sportwagen. Im Kosmischen erinnert Rot an die Gluten der auf- und untergehenden Sonne, die metaphorisch auf das Leben bezogen wird. 

Ursula Bohren Magoni und Claudio Magoni lassen uns in ihrer Inszenierung nicht nur Rot sehen und fühlen, sie lassen uns eintauchen ins Denken und Erleben von Farbe und Licht und teilhaben an der Umwandlung von Alltagsraum in die Sphäre der Erinnerung und Imagination. Hier hat der Stierkampf seinen Platz, die Revolution, die rote Zora und das Alpenglühen, der Herbst mit den Bernerrosen. Rot sehen führt durch Geschichte, Politik Kosmos und zurück in uns selbst und dabei ist die Inszenierung ganz sachlich, eher intellektuell angelegt. Rot  beflügelt die Fantasie und lässt in jene Gebiete blicken, wo es kein Halten gibt, no trespassing nicht existiert, wo alles möglich ist und Gefahren unbeschadet überstanden werden, in den imaginären Raum der Kunst .

Katalogtext, Frank Nievergelt, Konservator Kunsthalle Wil

   

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